Der Begriff „Empathie“ scheint heute allgegenwärtig zu sein. Nicht nur Liebenden und Eltern wird dazu geraten, auch Vorgesetzten wird empfohlen, empathisch auf ihre MitarbeiterInnen zuzugehen, und umgekehrt sollen diese ihren Chefs ebenfalls Empathie entgegenbringen. Aber was ist denn das überhaupt – und vor allem: wie geht das?
Gängige „Übersetzungen“ für diesen Begriff lauten „Mitgefühl“ bzw. „Einfühlungsvermögen“. Auch wenn diese Umschreibungen die Bedeutung nur ungefähr wiedergeben, so erfassen sie doch einen wesentlichen Kernpunkt: es geht darum, sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen, um die Fähigkeit und die Bereitschaft zu verstehen, wie sich eine Situation aus der Perspektive des Gegenübers anfühlt. Wichtig ist dabei die Absicht des Verstehen-Wollens und Nachempfinden-Könnens, was nur in einer Haltung des Fragens, nicht des Besser-Wissens gelingen kann. Eigene Wertungen und Urteile, Kritik oder Zustimmung, Ratschläge oder Sympathie-Bekundungen haben dabei keinen Platz.
Es ist eines unserer gemeinsamen menschlichen Grundbedürfnisse, verstanden zu werden. Daher fühlt es sich außerordentlich gut an, wenn es uns gelungen ist, eine empathische Verbindung zu einem anderen Menschen aufzubauen. Viele von uns kennen diese Wärme und Geborgenheit aus einer Liebesbeziehung, wenn die Partner einander auch ohne Worte verstehen. Eine gute Nachricht lautet daher: wir alle können das, als Menschen haben wir das nötige Rüstzeug dazu, empathisch zu sein. Einfache Beispiele dafür: ein fröhlich lachendes Kind zaubert unwillkürlich ein Lächeln auch auf unsere Lippen, ebenso wie eine um ihr eben verstorbenes Kind trauernde Mutter uns unmittelbar berührt und betroffen macht. Nur wenn unser eigenes Leiden übermäßig groß ist, scheinen wir immun gegen diese Form der „Ansteckung“.
Einen wichtigen Aspekt möchte ich an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen: so wie wir anderen begegnen, so gehen wir in aller Regel auch mit uns selbst um. Selbstkritik und Schuldgefühle führen jedoch selten (oder nur sehr kurzfristig) zu erwünschten Ergebnissen, deshalb kommt der „Selbst-Empathie“, also der (vor-)urteilsfreien Beschäftigung mit eigenen Motiven und Handlungsweisen eine sehr große Bedeutung zu. Wie kann es mir gelingen, andere zu verstehen, wenn ich mir selbst ein Rätsel bin?